Black Cotton Soil; Masai Mara Part III

Oldarpoi Camp, Sekenani Gate, Masai Mara Nature Reserve, Kenia, Geopisition S01° 31.436’, E035° 21.068’, Höhe 1762m, 04.10.2011

Kardanwelle einbauen
und raus!
Schlammrad
Schlammdomi

Ob wir 4x4 im Park benötigen, ist die obligatorische Frage vor dem ersten Gamedrive-Tag, denn die Kardanwelle für den Vorderradantrieb hat immer noch frei, steckt im Ersatzteilkasten und nicht unterm Chassis. Nein, es gehe auch ohne, kommt die unbekümmerte Antwort daher, trotz öfterem Regen in letzter Zeit. Wir glaubens, haben auch Vertrauen in John, den Masai, und unsere Erfahrungen auf der Tiefsandpiste im Chobe. Vielleicht hören wir auch nur, was wir hören wollen, denn bereits ist die in Lilongwe revidierte Feder wieder gebrochen und wir haben keinen Ersatz, wollen einfach nur hören, dass uns das nicht den Park versaut.
Nachts vor unserem Parkbesuch regnets nochmals, aber John, der Masai bleibt guten Mutes, wir fahren ohne Allrad in den Park.
Natürlich sind aber die Strassen nicht den von den Versprechungen genährten Erwartungen entsprechend. Auch ist die Hauptstrasse trotz anderslautender Information nicht geteert, macht aber nichts, denn immerhin ist sie durch Kies befestigt, ein Umstand der uns später noch viel Ärger ersparen wird.
Vorerst verläuft aber die von John dem Masai bestimmte Route durchs Gelände, heisst entlang von mindestens einmalig befahrenen Spuren. Der Untergrund hier kann treffend mit schmierig oder glitschig beschrieben werden. Eigentlich ist er ideal zum Befahren, wenns trocken ist. Recht hart und somit frei von Unebenheiten und Wellblech, wenn’s trocken ist.
Dank dem Regen von letzter Nacht ist’s allerdings nicht trocken und das bedeutet eben schmierig, denn die Beschaffenheit des schwarzen Untergrundes ist so fein, dass er bei der geringsten Feuchtigkeit sofort aufweicht. Ähnlich der Temperaturkurve von gefrierendem Wasser, die sich bis 0° (oder 273.15 K je nach Skala) senkt, dann verharrt bis sämtliche Flüssigkeit erstarrt ist und erst danach weiter sinkt, verhält sich die fortschreitende Verschlammung von Black Cotton Soil. Denn Dank der Kompaktheit im trockenen Zustand fliesst kein Wasser durchs Erdreich ab, bleibt erst in Pfützen stehen, frisst sich dann in die oberste Schicht, weicht diese komplett auf, arbeitet sich bis zur Erschöpfung des Wasservorrates weiter in den Untergrund. Vorteil dabei, scheint die Sonne, trocknet’s schnell ab. Nachteil, wenns, regnet wird die oberste Schicht sofort glitschig. So geschehen und entprechend schnell zur Kenntnis genommen.
Glücklicherweise scheint aber bereits ab 6.00 Uhr die Sonne und Dank der Lage am Äquator und des Datums um die Herbsttagundnachtgleiche mit entsprechend starker Sonneneinstrahlung ist es bereits mit den ersten Löwen trocken.
Natürlich ist der bis hier beschriebene Zustand des Untergrundes und sein Verhalten bei Vorhandensein mit Wasser noch nicht die umfassende Wahrheit. Hinzu kommt die Beschaffenheit der Landschaft, hügelig, und damit einhergehend Gefälle und die allseits vorhandene Gravitation. Da sich nämlich die Aufnahme von Regenwasser durch den Untergrund wegen bereits beschriebener Kompaktheit im trockenen Zustand pro Zeiteiheit in Grenzen hält, fliesst eine grosse Menge davon ab, sammelt sich in denjeigen Landstrichen, wo sich Gefälle und Anstieg abwechseln und führt bei entsrechender Regenhäufigkeit zu einem Labyrint aus un- oder schlecht passierbaren Wasserläufen und Schlammgruben.
So geschehen bei uns, denn wie bereits mehrfach erwähnt regnet es seit Kisii regelmässig. Aber was solls, wir haben John den Masai, und die Bewältigung des Labyrints ist sein Métié. Zielstrebig führt er uns durch, ist jedoch durch Erscheinung unseres Gefährts mit entsprechend grossen Rädern ein bischen übermütig und als wir an einem Wasserlauf stehen, er uns durchschicken will, ich nochmals nachfrage, er meint, 4x4 rein und durch, ich, kein 4x4 heute, er lenkt ein auf aussenrum. Aussenrum ist jedoch nicht ganz immer aussen um den Schlamm rum und so steigt das Vertrauen in Mowag der auch kleine und grössere Schlammpfützen ohne Murren bewältigt.
Leider ist aber die letzte erwähnenswerte Eigenschaft von Black Cotton Soil und darin enthaltenen Schlammpfuhlen, dass es von oben oder aussen nicht möglich ist, Fortschreitungsgrad der lokalen Bodenaufweichung (Tiefe) auch nur annähernd exakt zu verifizieren. Schmal und undspektakulär kommt die Schlammrinne daher, um die sich die Schlammgeschichte des Tages dreht. Situationsbezogener Vorteil, nur immer eine Achse steckt im Schlamm, kann also bei 4x4 anstandslos von der anderen durchgeschoben oder nachgezogen werden. Durchschieben funktioniert noch relativ gut , denn die Hinterachse ist dafür bei 2x4 sowieso zuständig.
Natürlich kündigt sich das Debakel bei der Einfahrt an, als die Vorderachse über Erwarten einsinkt, und die sich darüber befindenden Sitze entsprechend an Höhe verlieren. Sichere, vernünftige Lösung wäre hier rückwärts raus, aber ich denke, durch, denn auch Umwege sind fast erschöpft. Fehler zwei, denn Durch ist durchaus Fehler Eins, ich schalte nur bis zum 2. Gang runter, kein erster und keine Untersetzung was noch besser gewesen wäre, denn mit Schwung und entsprechendem Drehmoment wäre es eventuell gegangen, eventuell, denn uns fehlt das Drehmoment und nach erfolgtem Runterschalten und Untersetzungszuschalten der Schwung. So stecken wir erstmal fest, keine 100 Meter von einer Büffelherde entfernt, die unser Treiben mit zunehmender Verwunderung und Unruhe beobachtet. Glücklicherweise sind Büffel zwar relativ agressiv, bevorzugen aber die Flucht wenn immer möglich und machen sich auf, weg von uns, denn uns bleibt nichts anderes übrig als auszusteigen und uns manuell aus dem Schlammgraben zu befreien. Erste Massnahme dabei ist das Einbauen der fehlenden Kardanwelle, denn Vorderradantrieb ist vielversprechend, da Vorderräder bereits wieder auf dem Trockenen sitzen, was auch bedeutet, dass das Einbauen auch auf halbwegs trockenem Untergrund stattfindet. Unterdessen sammelt Christina Sträucher um die Traktion der Hinterräder zu erhöhen und John der Masai verscheucht die Büffel, denen der Anblick eines rot gekleidetetn Menschen geläufig genug erscheint, um nicht in Angst und wilde Raserei zu verfallen.
Wie erwartet oder mehr erhofft reicht der Antrieb auf vier Rädern aus, um uns aus der Zwangslage zu befreien, und wir können mit gewonnenem Selbstvertrauen und Allradantrieb gamedriving fortsetzen.
Es folgen zwei Flussquerungen, die etwas tricky sind, aber mit Reduktion und schön langsam trotz gebrochener Feder problemlos gehen, denn es geht über Felsen und John der Masai weiss ohne Ablaufen, wo es lang geht.
Natürlich, lieber Leser, rechtfertigt die hier geschilderte Version des Steckenbleibens nicht die lange, ausführliche und durchaus auch ermüdende Einleitung zum Thema Schwarzer Dreck. Da muss also noch mehr, noch Schlimmeres kommen.
Tatsächlich kommt es auch tagsdarauf und schlimmer ist es in der Tat.
Wir schreiben den 04. November 2011 gemäss GPS-Track 15.37 Uhr. Es ist etwa 1 ½ Stunden nach dem Crossing, bereits liegen auch die selben zwei Flussquerungen vom Vortag dazwischen, die Federn haben gehalten und eigentlich kann uns nichts mehr passieren bis zum Sekenani-Gate, das wir pünktlich erreichen sollten.
Einzig am Horizont zeigen sich finstere Wolken, aber auch das bereitet uns keinen Kummer, denn die „Hauptstrasse“ ist ja gekiest. Leider folgt nun aber das Labyrint der Schwemmstreifen und just hier können wir nicht mehr dem Track des Vortages folgen, der uns in umgekehrter Richtung sicher durch den heutigen Vormitag geführt hat. Es kommt, was kommen muss, wir fahren in eine Schlammsenke, die wir nur zu 50% bewältigen mögen! Eigentlich sind es sogar 75% wenn nicht 90%, aber die restlichen paar Prozente scheinen wie der Himalaya, sind nicht zu machen, Mowag bewegt sich nicht. Wir steigen aus zur Schadensbesichtigung.
Ist im Sand noch wenig Luftdruck hilfreich, sagt man im Schlamm solls möglich viel sein, um durch die weiche Schicht zu schneiden und auf den festen Untergrund zu kommen. Soweit die Theorie und tatsächlich scheint sie auch zu stimmen, denn Mowag hat mit seinen 5,2 Tonnen den Schlamm weggepflügt und eine radbreite harte ca 40 cm tiefe Schneise hinterlassen. Leider nur rechts, den links hinterlässt Mowag gar nichts, wenigstens nicht viel, denn hier ist der Matsch so nass, dass er die Fahrrinne bereits wieder zu füllen beginnt und die Ursache unseres Maleurs ist, denn es drehen nicht etwa zwei Räder übers Kreuz durch, wie das ansonsten der Fall ist nein es sind die zwei linken, die frischfröhlich drehen, während die rechten stocksteif stecken. Differenzialsperren, die ein unterscheidlich schnelles Drehen der sich gegenüberliegenden Räder verhindern würden, gehören nicht zu der Ingenieurskunst von 1959, haben wir nicht.
Gut an der Einschneidetheorie ist, dass das Auto tatsächlich auf festem Grund aufsitzt und sich durch weiteres Durchdrehen nicht mehr tiefer eingraben kann. Dies ist auch gut denn wie immer in solchen Situationen will ich die entgültige Tragweite nicht wahrhaben, versuche erst kleine Massnahmen, dann weniger kleine, dann grössere dann grosse, dazwischen immer wieder Versuche, ob eventuell das Getätigte genügt, Mowag sich rausbeissen kann. Mal vorwärts, denn es fehlt nicht viel, mal rückwärts, denn da ist die Fahrspur bereits gemacht. Hilft alles nichts. Wie Saugnäpfe hält der Black cotton Soil die Räder an Ort und Stelle! Eigentlich haben wir ja auch noch Glück gehabt, denn keinen Meter neben dem Auto geht’s wesentlich tiefer als nur 40 cm in den Schlamm, das wissen wir genau, denn sowohl Christina beim Aussteigen als auch ich beim Graben findens raus, sinken bis zum Schritt in den Untergrund. Hosen und Schuhe habe ich längst abgelgt, beides ist voll Schlamm und zu schwer, behindert nur beim Arbeiten. So sitze ich in Unterhosen mitten in der Wildniss im Gebiet mit der grössten Löwendichte, hoffe, dass einfach niemand kommt und mich so sieht und versuche mit blossen Händen unser Heim auszugraben, denn mit schaufeln ist hier gar nichts zu gewinnen, der Unterdruck ist zu stark, die Schaufel lässt sich einmal gefüllt nicht aus dem Dreck heben. Christina sammelt derweil wieder Holz und Gestüpp, zweites für unter die Räder, erstes für mich, damit versuche ich verzweifelt einen Damm neben die Fahrspur zu bauen, um den immer wieder einfliessenden Schlamm zu stoppen. Eine Stunde stecken wir bereits fest, mittlerweile ist es halb fünf, unsere Chancen, das Gate zu erreichen schwinden, am Horizont ist es grau, gar nicht weit weg regnet es in Strömen. Bis jetzt ist’s trocken, aber sollte sich das ändern, haben wir keine Chance hier innert nützlicher Frist rauszukommen. Daran und an die Löwen mag ich gar nicht denken, verstärkt nur die Panik, die in mir aufsteigt, genährt auch durch die körperliche Erschöpfung, vom stundenlangen Kampf mit dem Schlamm. Christina bleibt der ruhende Pol, sammelt Holz, spricht beruhigende Worte.
Dreckig bin ich inzwischen bis unters Kinn, aber das ist zweitrangig, auch die Scham hat sich gelegt, denn eines ist inzwischen sicher: hier kommen wir nicht alleine raus und so hoffe ich nur, dass jemand vorbeikommt und uns rauszieht.
Jemand ist ein Touristenbuss, mit zwei Chinesinen, der auf uns zuhält.
In Unterhosen und verschlammt laufe ich auf ihn zu und frage erst mal wie es ihm geht!
Ja wir stecken fest, ob er uns eventuell rausziehen könne? Mit seinem Bus, nein, aber er funke gleich den Landcruiser an, der nicht weit weg zu sehen ist. Während der Toyota kommt, nimmt der Busguide die Situation in Augenschein, fragt, ob wir Seile dabei hätten! Ja Seile haben wir genügend, was auch wichtig ist, denn so kann das Ziehauto von wirklich festem Grund aus arbeiten.
Eine Bemerkung am Rande verdient auch die Chinesin, die den Guide fragt, ob sie in die Büsche darf, wo Christina gerade längere Zeit Holz gesammelt hat, um zu pinkeln, was dieser verneint, zu gefährlich wegen der Löwen.
Inzwischen kommt der Landcruiser zusammen mit zwei amerikanischen Touristen, alle sauber und im Urlaub, dazwischen ich, immer noch in Unterhosen, aber das fällt wohl nicht weiter auf, denn der Schlamm macht mich einheitlich grau und falls nicht ist mir das auch egal,denn wir schöpfen wieder Hoffnung, das ganze Debakel noch heute und in der Zeit hinter uns zu bringen, derweil sich der Toyota in Position begiebt, um uns nach hinten rauszuziehen.
Ich sitze ins Auto, starte auch, Rückwärtsgang, Reduktion, Allrad. Christina führt von aussen das Kommando. Los geht’s, keine Chance. Zweiter Versuch, wohl muss der Landcruiser noch die Reduktion einlegen, wieder nichts, Toyota stirbt ab. Dritter und letzter Versuch, ich gebe ebenfalls Vollgas wie auch der Toyota, keine Bewegung, dann ein Plopen und Schlürfen, als unsere Räder sich aus dem Schlamm lösen und sich unser Mowag wieder auf festen Untergrund schiebt. Nie und nimmer hätten wir das ohne Hilfe geschafft.
Natürlich will der Tourguide noch von uns wissen, wie wir so dämlich sein konnten hier reinzufahren. Ja wir seien eben Muzungus, sage ich im Scherz, aber er meints ernst, und so erkläre ich ihm, das dies nicht das erste Schlammloch war, auch mit dem Masai-Führer gestern seien wir ähnliches gefahren. Manchmal hat man halt Pech.
Bei uns macht sich noch Euphorie breit über die Befreiung und ich kann mich gar nicht genügend Bedanken, aber irgendwie scheinen es alle eilig zu haben, wieso ist auch bald klar, denn kaum sind wir frei beginnt’s auch hier in Strömen zu regnen. Da wir ja nun aber immer noch auf der falschen Seite stehen bringen wir schnell den Mowag über eine trockene Furt, die gar nicht weit weg ist, und packen da erstmal unser Zeug zusammen. Problem nummer Eins ist aber die Sauerei, die ich im Fahrersitz hinterlassen habe und der Zustand in dem wir uns immer noch selbst befinden. Nicht unpassend ist deshalb der Regen, wir entledigen uns des spärlichen Restes unserer Bekleidung und ich dusche sogar spliternackt unter der Ablaufrinne unseres Autos, während Christina den gröbsten Dreck vom Fahrersitz kratzt und den Rest mit den Badetüchern abdeckt.
Erschöpft aber glücklich machen wir uns auf zur Hauptstrasse, grossräumig alle Schlammpools umfahrend. Inzwischen ist aber Dank des Regens alles wieder glitschig und auch uns bleibt manchmal nichts anderes übrig als auf Gras auszuweichen wo die Fahrbahn bereits wieder zu tief ist und die Vorderräder trotz Allrad einfach nur geradeaus schieben.
Aber wir schaffen es und um 18.15 Uhr sind wir am Gate, kurz darauf im Oldarpoi Camp, wo uns freundliche Masai eine heisse Bucketshower bereiten und ein warmes Bier servieren. Scheissegal und die Zigarette hab ich mir auch verdient!
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Comments

Posted by Philip | October 22, 2011 | 14:36:57
Hammer Foto! Die Geschichte werden wir so schnell nicht vergessen - Dominik in Unterhose, schlammverdreckt... :-)

Die Zigarette hast Du dir echt verdient!
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Posted by Annedore | October 22, 2011 | 16:25:36
Ihr habt mir ja gerade vorhin Euer Abenteuer geschildert, aber so schlimm habe ich es mir eigentlich nicht vorgestellt. Toll Christina, dass Du immer kühlen Kopf bewahrst. Viel Spass und auch eine gute Portion Glück weiterhin.
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Posted by Annegret | October 24, 2011 | 13:28:02
Bravo - geglückt raus aus diesem Schlamm-massel! Es soll ja gesund sein im "Fango" zu liegen. Liebi Grüess euch beiden und e gueti Wiiterfahrt ___ herwärts?
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